Netanjahu und die israelische extreme Rechte sind das Problem.
Antworten
Beim siedlerkolonialen Projekt des Zionismus gibt es keine grundlegende Trennlinie zwischen links und rechts. Liberale und rechtsextreme zionistische Parteien mögen sich in Rhetorik, Tempo oder Taktik unterscheiden, doch sie teilen das Ziel, einen jüdischen siedlerkolonialen Staat aufrechtzuerhalten, der auf der Enteignung des palästinensischen Volkes beruht.
Israels siedlerkoloniales Projekt wird durch einen dauerhaften Staatsapparat getragen. Regierungen bestimmen die Politik, die Knesset erlässt diskriminierende Gesetze, das Militär begeht Kriegsverbrechen, die Justiz legitimiert rechtswidrige Maßnahmen, staatliche Behörden verwalten die Enteignung und Siedelnde treiben die Kolonisierung vor Ort voran. Der Ministerpräsident mag wechseln, doch die institutionelle Maschinerie des Siedlerkolonialismus bleibt bestehen.
Israels siedlerkolonialer Staat wurde gegründet und während seiner ersten drei Jahrzehnte von Parteien regiert, die der politischen Linken Israels zugerechnet werden. In dieser Zeit vollzog Israel die Nakba von 1948, vertrieb durch ethnische Säuberung mehr als 800.000 Palästinenserinnen und Palästinenser, zerstörte über 530 Dörfer und verübte mehr als 70 Massaker. Anschließend unterwarf es die in Israel verbliebenen Palästinenserinnen und Palästinenser einer Militärherrschaft (1948–1966) und legte durch diskriminierende Gesetze, die die Rückkehr palästinensischer Geflüchteter verhinderten und ihr Land und Eigentum beschlagnahmten, die rechtlichen Grundlagen der Apartheid. 1967 besetzten von der Arbeitspartei geführte Regierungen das verbliebene palästinensische Gebiet, die syrischen Golanhöhen und den ägyptischen Sinai. Aufeinanderfolgende Regierungen übernahmen und erweiterten diese kolonialen Strukturen.
Selbst unter Israels gefeiertstem liberalen „Friedenslager“, das die Oslo-Abkommen vorantrieb, vertiefte sich das koloniale Projekt. Obwohl die palästinensische Führung mit der Unterzeichnung eines Abkommens, das grundlegende Rechte wie die Beendigung der Besatzung und die Verwirklichung des Rückkehrrechts aufschob, weitreichende Zugeständnisse akzeptierte, reagierten die Regierungen Rabin und Peres mit dem Ausbau der Siedlungen, der Vergrößerung der Siedlerbevölkerung und der Institutionalisierung des Abriegelungs- und Genehmigungssystems. Die Sprache war Frieden. Die Politik war Kolonisierung.
Wenn Netanjahu allein das Problem wäre, wäre er nicht mehrfach gewählt worden und die Politik seiner Regierung würde keine so breite öffentliche Unterstützung genießen. Eine Umfrage aus dem Jahr 2025 ergab, dass 82 % der jüdischen Israelis die Zwangsvertreibung der Bevölkerung Gazas unterstützten. Eine weitere Umfrage ergab, dass 73 % der Ansicht waren, Israels Angriff auf Gaza, bei dem zu diesem Zeitpunkt mehr als 32.000 Palästinenserinnen und Palästinenser getötet worden waren, sei entweder „angemessen“ oder „nicht weit genug gegangen“. Das Problem ist weder eine einzelne Regierung noch eine einzelne Führungsperson. Es ist eine breitere Kultur, die durch Jahrzehnte zionistischer Ideologie geprägt wurde und Palästinenserinnen und Palästinenser als Bedingung ihrer eigenen Existenz entmenschlicht.
Netanjahu oder einer Handvoll „extremistischer Siedler“ die Schuld zu geben, stellt als Ausnahme dar, was grundsätzlich ein strukturelles siedlerkoloniales System ist. Das ist politisch bequem, weil es internationale Komplizenschaft verschleiert und Regierungen erlaubt, eine einzelne Führungsperson zu verurteilen oder wenige Personen zu sanktionieren, während sie den israelischen Staat weiterhin bewaffnen, finanzieren, mit ihm Handel treiben und ihn diplomatisch schützen. Wirkliche Veränderung erfordert, die Strukturen des Siedlerkolonialismus durch Rechenschaftspflicht und die Aussetzung militärischer, wirtschaftlicher und diplomatischer Beziehungen abzubauen, statt lediglich einen Politiker oder einige Siedler zu verurteilen.
Der Fokus auf Netanjahu dient häufig dazu, das Bild Israels als grundsätzlich demokratischer, legitimer und moralischer Staat zu bewahren. Dieses Narrativ wird üblicherweise von liberalen Zionistinnen und Zionisten vertreten, die ein strukturelles System des Siedlerkolonialismus auf die Handlungen einer Regierung oder einer Handvoll Extremisten reduzieren. Damit stellen sie einen Regierungswechsel durch Wahlen als Lösung dar, anstatt das siedlerkoloniale System abzubauen.
Quellen
- Nakba Statistics, Palestinian Central Bureau of Statistics, 2025.
- 30 Years After Oslo: The Data That Shows How the Settlements Proliferated Following the Oslo Accords, Peace Now, 2023.
- Poll: Huge Majority of Israelis Back Gaza Ethnic Cleansing, The New Arab, 2025.
- Israeli Views of the Israel-Hamas War, Pew Research Center, 2024.
- Myth: Netanyahu Is the Problem, Decolonize Palestine.
- Replacing Netanyahu with Gantz Won't Fix the Problem, Mondoweiss, 2024.
- In Israel, Netanyahu Is a Symptom, Not the Cause of the Problem, The New Arab, 2024.
- Liberal Zionism: A Pillar of Israel's Settler Colonial Project, Al-Shabaka, 2023.
Kategorien
