Alles begann am 7. Oktober 2023.

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Vor dem 7. Oktober war palästinensisches Leben bereits von 75 Jahren Siedlerkolonialismus, Apartheid und ethnischer Säuberung seit der Nakba von 1948 geprägt, als zionistische Milizen mehr als 800.000 Palästinenser vertrieben und über 500 Orte zerstörten. Nach dem 7. Oktober folgte dieselbe Realität in verschärfter Form durch den Völkermord in Gaza.

Die Behauptung, alles habe am 7. Oktober begonnen, ist zutiefst entmenschlichend. Sie verlangt von Palästinensern, ihre Unterdrückung ständig zu beweisen, bevor ihr Leid anerkannt wird. Ein Jahrhundert zionistischer Enteignung, Haft, Belagerung und Tötung gilt als belanglos, während sie ihre eigene Vernichtung erklären, rechtfertigen und kontextualisieren sollen.

Bis Oktober 2023 hatte Gaza wie das übrige Palästina Jahrzehnte von Kolonisierung, Besatzung und Apartheid erlebt; 80 Prozent der Bevölkerung durften nicht in wenige Kilometer entfernte Heimatorte zurückkehren. Sechzehn Jahre Blockade hatten Gaza unbewohnbar gemacht. 2022 waren 80 Prozent auf humanitäre Hilfe angewiesen, fast die Hälfte der Erwerbsbevölkerung arbeitslos und rund zwei Drittel lebten in Armut. Kinder hatten bereits mindestens fünf große Angriffe überlebt, Angehörige verloren und zerstörte Schulen und Viertel erlebt. Die Behauptung verlangt, all dies auszulöschen.

Was dem 7. Oktober vorausging, ist keine Ansichtssache. Lange vor 2023 verurteilten mehr UN-Resolutionen Israels Völkerrechtsverletzungen als die irgendeines anderen Staates. Internationale und israelische Menschenrechtsorganisationen stellten Apartheid fest, und der Internationale Gerichtshof erklärte das Siedlungsprojekt für rechtswidrig. Dennoch herrschte Straflosigkeit, während militärische, diplomatische und finanzielle Unterstützung den Völkermord ermöglichte.

Man muss nicht einmal ein Jahrhundert kolonialer Gewalt betrachten: Mitte 2023 erlebten Palästinenser im besetzten Westjordanland bereits das tödlichste Jahr seit Beginn der Aufzeichnungen, mit stark zunehmenden Militäreinsätzen, Siedlergewalt und Tötungen.

Die Fixierung auf den 7. Oktober folgt der kolonialen Gewohnheit, Widerstand zum Problem zu erklären und die strukturellen Ursachen auszublenden. Von Algerien bis Vietnam, Irland und Südafrika wurden antikoloniale Kämpfe wegen ihrer Reaktion auf Unterdrückung verurteilt und kriminalisiert, während koloniale Gewalt normalisiert wurde.

Die Erzählung verwandelt den Kolonisator in ein vermeintlich in Selbstverteidigung handelndes Opfer und macht Jahrzehnte palästinensischen Leidens unsichtbar. Geschichte beginnt erst, wenn Israelis Schaden erleiden; palästinensisches Leid gilt als Hintergrundrauschen.

Die Behauptung löscht ein Jahrhundert palästinensischen Blutvergießens durch zionistische Kräfte aus: Deir Yassin 1948, Qibya 1953, Kafr Qasim 1956, Al-Aqsa 1990, die Ibrahimi-Moschee 1994, Dschenin 2002 und wiederholte Angriffe auf Gaza 2008/09, 2012, 2014 und 2021. Generationen erlitten Massaker und Massengewalt. Der 7. Oktober entstand aus einer brutalen kolonialen Realität.

Quellen

  1. The Hundred Years' War on Palestine, Metropolitan Books, 2020.
  2. Nakba — A Curated List of Resources, PIPD.
  3. Thematic Chronologies: Subjugation, Violence and Wars, PalQuest.
  4. It's Hamas' Fault: Techniques of Genocide Denial in Gaza, Journal of Genocide Research, 2025.